von Barbara Brüning

Publik-Forum 11/2012

vom 08.06.2012

Gebetsfahnen im Sommerwind

Gefängnisseelsorge, ein Frauenknast und ein Exerzitienhaus

Knallbunte und dezent gestreifte, beschriftete und bemalte Flaggen bewegen sich ganz leicht im Wind an diesem heißen Tag vor Pfingsten im Garten des Exerzitienhauses in Hofheim. Was sich hier von Baum zu Baum zieht und bis zum großen Hoftor fortsetzt, ist der bescheidene Anfang einer langen, langen Reihe, die über einen Kilometer bis hinauf zur Hofheimer Waldkapelle führt.

Etwa 4000 Flaggen reihen sich aneinander. »Ich bin stolz, dass wir das geschafft haben«, sagt Katalin Güntherberg, eine Gefangene aus dem Frauengefängnis Frankfurt, der JVA III. Auch Meo Kusripituk, eine Mitgefangene, die mit etwa zwanzig Frauen seit Januar im Knast genäht hat, ist dabei und strahlt. Die Gefängnisseelsorgerin Beatrix Smerekovska konnte kaum glauben, mit welcher Begeisterung, die Frauen sich auf das Projekt stürzten. »Wir wollen, dass die Öffentlichkeit uns wahrnimmt«, sagt Kusripituk, »weil wir ein Teil der Gesellschaft und ein Teil der Kirche sind – obwohl wir Fehler gemacht haben.«

Ihre Solidarität mit gefangenen Frauen auf der ganzen Welt zum Ausdruck zu bringen begeisterte die Gefangenen. Ihre Sehnsüchte und Gebete haben sie auf die Fahnen geschrieben oder gemalt – oder einfach in Gedanken eingenäht und waren dabei mit allen Frauen auf der Welt, egal auf welcher Seite der Gefängnismauern, verbunden. »Die Sehnsucht nach Freiheit und einem Leben in Frieden ist uns allen gemeinsam,« sagt Katalin Güntherberg.

Das wirkt ansteckend: Eine Hauptschulklasse, die durch Zufall von der Aktion erfuhr, hat sich angeschlossen und auch Fahnen genäht. Jetzt sind in Hofheim Spaziergänger, Jogger und Joggerinnen aufgefordert, ihre Wünsche und Gebete aufzuschreiben und sich einzureihen. Viele haben schon am ersten Tag von dem Angebot Gebrauch gemacht. Aber auch in Hofheimer Gärten wurden schon Gebetsflaggen gesichtet.

Die Idee der Gebetsfahnen stammt aus Tibet. Dort werden die Flaggen in den Gebirgswind gehängt, bis sie verwittern. Frauen in Mexiko griffen die Idee auf. Sie nähen und verkaufen Fahnen aus traditionellen mexikanischen Stoffen.

»Wir entschieden uns, Stoffreste zu nehmen«, sagt Peter Labonte, Pastoralreferent in Frankfurt und einer der Mitorganisatoren, »denn wir wollten die Buntheit unserer Leben zum Ausdruck bringen«. Außerdem passe diese Vielfalt besser zu dem Motto der Aktion: »Farbe bekennen«. Diese Buntheit des Lebens haben wohl auch jene Familien gespürt, die sich an Pfingsten mit dem Thema im Exerzitienhaus beschäftigten. Sie gestalteten zum Abschluss selbst Flaggen – für zu Hause.