von Barbara Brüning

Publik-Forum 18/2012

vom 21.09.2012

Eine gute Idee wird totgespart

An hessischen Grundschulen hat die Inklusion begonnen: Alle Kinder, ob behindert oder nicht, sollen Zugang zu Regelschulen erhalten. Doch die Idee beißt sich mit dem selektiven Schulsystem

Es ist ganz still in der Klasse 2b. Ein einzelnes Kind sitzt an seinem Tisch, hat den Kopf auf den Arm gelegt und sieht sich die Buchstaben auf einem Blatt an. Eine Gruppe von Jungen und Mädchen liegt auf dem Fußboden und füllt Arbeitsblätter aus. Im Nebenraum malt ein Kind mit dem Finger einem anderen Buchstaben auf den Rücken, die es erraten muss. Andere kneten Buchstaben. Fünf Klassen hat die Integrative Schule Frankfurt, Jahrgangsstufe eins bis vier. In jeder Klasse sind zwanzig Kinder, vier davon mit Behinderungen. »Wir haben drei Betreuungskräfte pro Klasse«, erklärt Lutz Kunze, der Schulleiter: eine Lehrkraft, einen Sonderpädagogen und meist noch eine Erzieherin oder einen Erzieher. Zusätzlich arbeiten Physiotherapeuten an der Schule.

Zwanzig Schüler und zwei bis drei Lehrkräfte, das praktiziert zurzeit auch die staatliche Gruneliusschule im Frankfurter Stadtteil Oberrad. Die Schulleiterin Margit Krämer erzählt, dass es im Frankfurter Süden bisher keine Möglichkeit für behinderte Kinder gab, in integrative Klassen zu gehen, weshalb sie anbot, Integrationsklassen an ihrer Schule einzurichten. Zwei Klassen mit jeweils zwanzig Kindern, davon je drei mit Behinderung, gab es im letzten Schuljahr. Die Klassen sind damit deutlich kleiner als die anderen. Neben der Lehrerin gibt es noch eine Sonderpädagogin und einen Praktikanten.

Alle Kinder profitieren

»Das sind optimale Bedingungen«, sagt Krämer: Alle Kinder profitierten davon; auch die Nichtbehinderten brauchen manchmal etwas länger und seien dann ganz froh, wenn jemand da ist, der alles noch mal erklärt. »Alle lernen, dass sie helfen können, dass es nicht schlimm ist, auch mal was nicht zu können«, beschreibt die Schulleiterin. »Das sorgt ganz allgemein für mehr Entspannung.«

Mit dem neuen Schuljahr hat die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention an hessischen Grundschulen begonnen. Alle Kinder, egal ob behindert oder nicht, sollen gleichermaßen Zugang zu öffentlichen Grundschulen erhalten. »Aber das, was hier gemacht wird, ist Lug und Trug«, sagt Professor Helmut Reiser, Bildungspädagoge aus Hannover und vehementer Verfechter von Inklusion. »So wird Inklusion als Alibi missbraucht, um die herrschende Selektionspraxis der Schulen zu verdecken.« Inklusion bedeutet, dass Schüler und Schülerinnen unabhängig von ihrer persönlichen Leistung und ihren Fähigkeiten in die Grundschulklassen gehen können, die ihrem Alter entsprechen. Die bisherige Praxis sieht aber so aus, dass Kinder, die die für ihre Jahrgangsstufe geforderte Leistung nicht erbringen können, eine Klasse wiederholen oder auf Förderschulen geschickt werden.

»Eine Tendenz zur Differenzierung, Selektion und Aussonderung ist unserem Schulsystem inhärent«, sagt Helmut Reiser. Das beginnt bei der Einschulungsuntersuchung, geht weiter bei der Möglichkeit, Kinder von der Einschulung zurückzustellen, schon eingeschulte Kinder wieder in eine Vorklasse zurückzustufen bis hin zum berühmten Sitzenbleiben. »Solange also entwicklungsbeeinträchtigte, nichtbehinderte Kinder schon am Schulbeginn von selektiven Entscheidungen betroffen sind, so lange ist auch die vollständige Inklusion von behinderten Kindern in die Grundschule nicht wirklich denkbar«, erklärt Professor Helga Kelle, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität in Frankfurt. Denn wie will man den Eltern nichtbehinderter Kinder klarmachen, dass ihr Kind eine Klasse wiederholen muss, während geistig behinderte Kinder versetzt werden?

Quadratur des Kreises

Wer sagt, Vielfalt müsse als bereichernd angesehen werden, verlangt von den Pädagogen die Quadratur des Kreises. Denn die Grundschule – wie auch die weiterführenden Schulen – wird von Normvorstellungen geleitet, die festlegen, was ein Kind in welcher Klasse mindestens zu können hat. Für Hessen besagen die Rahmenrichtlinien zum Beispiel, dass man in der ersten Klasse von eins bis zwanzig zählen können muss, dass man sich im Klassenraum orientieren und Ziffern schreiben können sollte. Tatsächlich gibt es aber in jeder ersten Klasse Kinder, die längst alle Ziffern bis zwanzig schreiben können, und solche, die das lernen, wenn sie gut üben. Nun sollen die hinzukommen, die vielleicht mit Ziffern gar nichts anfangen können. Die Kinder werden schnell verstehen, dass es nun drei Gruppen gibt: die Guten, die alles wie von selbst können, die Schwachen, die viel üben müssen – und die, bei denen es egal ist. »Inklusion erfordert ein tiefgreifendes Umdenken«, sagt Helmut Reiser dagegen. Es gehe darum, Pluralität und Differenz nicht einzuebnen, sondern deren Existenz als entwicklungsförderlich anzuerkennen, erklärt Christina Huf vom Institut für Grundschulpädagogik an der Universität Frankfurt. Genau das aber ist in einem dreigliedrigen Schulsystem nicht vorgesehen.

Im Hinblick auf das ganze Schulsystem ist das Differenzieren in der Grundschule nur konsequent, denn in den ersten vier Jahren muss entschieden werden, auf welche weiterführende Schule ein Kind gehen kann. Nur das Gymnasium führt auf direktem Weg zum Abitur, das der Königsweg zu den Universitäten ist. Und ein Studium wird nach wie vor als sicherer Weg zu gut bezahlten Jobs und relativem Wohlstand angesehen. In den Schulen herrsche ein vorgezogener Verteilungskampf, sagt Reiser. »Natürlich reagieren viele Eltern sauer, wenn die kostbare Aufmerksamkeit der Pädagogen jetzt auch noch mit Behinderten geteilt werden muss.«

Die derzeit vorherrschende Tradition des deutschen Schulsystems »basiert auf dem Bild der Führung einer geschlossenen Truppe durch einen Führer«, bringt Reiser es auf den Punkt. »Erstaunlicherweise sind auch hochbegabte Kinder ein Opfer dieser Schulpolitik: Gute Schule heißt gleichschrittiger Unterricht, die Leistungshöhe bestimmt die soziale Höhe«, erläutert Reiser. Dabei wird übersehen, dass Kinder sich auch körperlich, sozial und emotional entwickeln, und das nicht immer im Gleichschritt. Dass Lernen im Gleichschritt für die individuellen Lernfortschritte aller Schüler nicht wirklich förderlich ist, zeigen eine ganze Reihe von Studien: Behinderte Kinder schneiden in gemeinsamem Unterricht besser ab. Und nichtbehinderte auch – zumindest werden sie nicht schlechter.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, die geplante Inklusionspraxis zu kritisieren: Integration, so wie sie an der Integrativen Schule oder auch in den Integrationsklassen der Gruneliusschule praktiziert wird, ist teuer. Das fängt schon beim Platzbedarf an. Wenn man einen Klassenraum hat, in dem 27 Schüler gerade mal sitzen können, dann heißt das nicht, dass dort auch drei Gruppen selbstständig arbeiten könnten. »Wir haben ein Raumproblem«, sagt Schulleiterin Krämer. »Schon jetzt ziehen wir immer mal wieder ein paar Schüler aus den Klassen heraus und üben separat mit ihnen Lesen. Aber wo sollen die hin? Oft müssen wir hier auf die Sitzecke im Flur ausweichen.«

Die beiden Inklusionsklassen, die Margit Krämer im vergangenen Schuljahr an der Grundschule in Oberrad einrichten konnte, sind deutlich schlechter ausgestattet als die Integrationsklassen, die sie vor der Änderung des Schulgesetzes auf freiwilliger Basis eingerichtet hatte. Für jedes behinderte Kind wird nur noch eine zusätzliche sonderpädagogische Lehrkraft für vier Stunden in der Woche hinzukommen. Bis auf acht Stunden in der Woche wird also eine Lehrerin allein mit der Vielfalt und Heterogenität zurechtkommen müssen.

Ab in die Förderschule

Das derzeitige Modell sei vollkommen unterfinanziert, warnt Reiser. Aber Integration kostet Geld, Inklusion auch. Legt man die jährlichen Ausgaben der Integrativen Schule auf die Kinder um, so kommt man auf über 17 000 Euro pro Kind im Jahr. Die Eltern zahlen davon lediglich zwischen 132 und 360 Euro im Monat, gestaffelt nach Einkommen.

Gegner wie Befürworter der Inklusion sind sich in einem Punkt einig: So wie es jetzt gemacht wird, kann es nicht gehen. »Eine gute Idee wird totgespart«, sagt Kunze, Schulleiter der freien Integrativen Schule. Und fügt hinzu, dass sich seiner Meinung nach nicht viel ändern wird. Denn die Grundschulen sind nicht verpflichtet, behinderte Kinder aufzunehmen. Wenn sie nachweislich nicht in der Lage sind, sich optimal um die Förderung zu kümmern, dann heißt es weiterhin: ab auf die Förderschule. In Zukunft wird es zahlreiche Prozesse geben, weil Eltern das Recht ihrer behinderten Kinder auf Teilhabe einklagen werden, prophezeit Kunze.

Trotz alledem sehen sowohl Reiser als auch Kelle und Huf eine Entwicklung in die richtige Richtung. »Leute, ihr seid auf dem richtigen Weg, aber es ist schwierig, das unter diesen Umständen umzusetzen! Und es lohnt sich, für eine richtige Veränderung einzutreten!«, möchte Reiser den Lehrkräften mit auf den Weg geben, die in den nächsten Jahren mit Inklusionsklassen zu tun haben. Huf sieht den positiven Aspekt darin, dass Impulse gesetzt werden, die es der Grundschule ermöglichen, die eigenen Praktiken des Selektierens und Förderns noch systematischer zu erkennen und grundsätzlicher zu hinterfragen. Inklusion wäre so auch eine Chance, die Schule ganz neu zu denken.