von Barbara Brüning

aus: Publik-Forum 4/2011

vom 25.02.2011

Die Kraft des positiven Blicks

Ein Projekt fördert die seelische Gesundheit von Kindern »in Quartieren mit besonderen Problemlagen«. Und zeigt: Bildungserfolg ist machbar – auch bei armen Kindern

Kindertagesstätte St. Martin, Frühstückszeit. Es klappt einfach nicht. Shami (5) versucht Butter auf seinen Zwieback zu schmieren. Die Butter klebt am Messer und will nicht runter. Mit der anderen Hand kann Shami das Brot nicht festhalten, weil die noch ein Auto hält. Also noch mal von vorne: Auto weg. Brot festhalten. Erzieherin Zahra Rahmati nimmt seine rechte Hand und führt das Messer. Und dann ist das Brot mit drei Scheiben Wurst gut gedeckt. Shami nimmt noch drei dazu. Zahra lächelt. Geht doch!

Das Gallusviertel in Frankfurt am Main gilt als »Quartier mit besonderen Problemlagen«. Fast alle Kinder, die hierher kommen, sind arm. Respektvoller und höflicher Umgang kann in vielen Familien nicht beobachtet werden. Viele Kinder bekommen zu Hause kein Frühstück. Neunzig Prozent haben keine deutschen Eltern. Die meisten sprechen wenig oder schlecht Deutsch. Dementsprechend brauchen die pädagogischen Fachkräfte viel Geduld. Jedes Wort muss gelernt werden. Jeder Handgriff geübt. Das gemeinsame Frühstück gehört deshalb zum Programm.

Shami kommt wieder zum Büfett und gießt Milch in eine Tasse. Etwas geht daneben. Er zeigt auf die Küchenrolle. »Wie heißt das, was du möchtest?«, fragt Zahra. »Küchenrolle«, sagt Shami brav. Klappt doch. Er wischt den Tisch ab und drückt Zahra das Papier in die Hand. »Nein«, sagt sie, »das gehört hier nicht hin.« Shami grinst und bringt es in den Abfalleimer.

Zwei Jahre lang hat die Kita St. Martin an dem Projekt zur »Verhinderung von Exklusion – Förderung der seelischen Gesundheit« des Zentrums für Kinder- und Jugendforschung an der Evangelischen Hochschule Freiburg teilgenommen. Zwei Jahre lang sind Kinder, Eltern und pädagogische Fachkräfte geschult worden. Die Vorschulkinder trafen sich insgesamt zwanzig Mal. Die Kita hat sich mit Erziehungsberatungsstellen, sozialen Diensten und Vereinen im Stadtteil vernetzt; Eltern wurden zu Sprechstunden, Beratungen, Elternkursen eingeladen. Das Projekt basiert auf der Fragestellung: Wie kann es sein, dass sich manche Kinder trotz widriger Umstände ganz normal entwickeln? Denn das gibt es. Gab es schon immer.

»Resilienz«, zu Deutsch etwa »Widerstandsfähigkeit«, heißt dieses Phänomen. Wissenschaftler um Professor Klaus Fröhlich-Gildhoff haben es genauer untersucht und sechs Faktoren entdeckt, die einen Menschen vor dem Absturz in seelische Krankheiten schützen: die Fähigkeit, sich selbst und andere richtig wahrzunehmen; die Selbststeuerungsfähigkeit – wer sie besitzt, ist in der Lage, darüber zu entscheiden, ob er ausrastet oder lieber spricht. Beide haben etwas mit der Selbstwirksamkeitserwartung zu tun. Das ist die Fähigkeit abzuschätzen, wie andere auf eigenes Verhalten reagieren werden. Soziale Kompetenz, das Wissen darum, wie man jemanden um etwas bittet, wie man Kontakt aufnimmt und abbricht. Und schließlich die Königsdisziplinen: Stressbewältigungskompetenz und Problemlösefähigkeiten. All diese Fähigkeiten wollen die Wissenschaftler mit ihrem Programm fördern.

Im Frühstücksraum kommen nach und nach immer mehr Kinder an. Für Ermine ist es erst die zweite Woche im Kindergarten. Seine Mama sitzt noch neben ihm und hat ihm ein bisschen geholfen. Jetzt will er spielen gehen. Als Zahra ihn bittet, seinen Teller auf das Tablett zu stellen, sagt er »Nein«. Sie bleibt hartnäckig, bietet ihm an, es zusammen zu tragen. Da wirft er sich auf den Boden und schreit. Seine Mutter sagt, er müsse das zu Hause nicht machen, deshalb kenne er das nicht. Zahra bittet sie, ihn auch zu Hause dazu anzuhalten. Es werde ihm dann leichter fallen, sich auch im Kindergarten an die Regeln zu halten.

»Die Eltern müssen eingebunden werden«, erklärt Eleni Chaita, die Leiterin der Tagesstätte. »Sie müssen verstehen, warum wir was tun. Und sie müssen uns zu Hause unterstützen.« Deshalb gibt es an den Nachmittagen Elternschulungen, damit die Eltern sich sicher fühlen im Umgang mit ihren Kindern. Damit sie merken, dass sie wichtig sind und ernst genommen werden.

9:30 Uhr. Im Gruppenraum der »Eisbären«-Gruppe wird gesungen. Spielerisch prägen sich Wörter ein, die sonst im Alltag der Kinder nicht vorkommen, Satzstrukturen, Laute werden geübt. Danach soll noch eine Runde gespielt werden. »Was wollt ihr spielen?«, fragt die Erzieherin in die Runde. »Der Plumpsack geht um«, ruft es aus einer Ecke. »Schäfer-Schäfer«, »Schuhsalat« und »Pitsch-Patsch-Pinguin« sind die anderen Vorschläge. Da muss wohl abgestimmt werden. Für »Schäfer-Schäfer« gehen gleich zehn Hände hoch. Hier kommt noch eine dazu, eine andere ist noch ein bisschen unentschieden. Aber es sind die meisten. Alle sind einverstanden. »Einübung in Demokratie«, heißt das im Hessischen Bildungsplan. Klappt doch prima.

Dass alle sich daran halten, was die Mehrheit will, ist nicht selbstverständlich für Kinder zwischen drei und sechs Jahren. Gelegenheit für Gefühlsausbrüche gibt es viele im Kindergarten. Ein Kind hat etwas gebaut, und dann kommt ein anderes und macht es kaputt. Man findet etwas Schönes, und ein anderes Kind nimmt es weg. Aber man muss nicht immer gleich wütend werden oder Gewalt anwenden. Das haben die Kinder mit einer Ampel systematisch geübt: Bei einem drohenden Kontrollverlust zeigt sie Rot. Und Rot heißt: Stopp. Nicht handeln, innehalten. Hat man das mal geschafft, dann ist das ein echtes Erfolgserlebnis, das man so schnell nicht mehr vergisst. Dann schaltet die Ampel auf gelb. Das heißt: erst mal nachdenken. Und dann kommt Grün. Handeln – aber überlegt.

»Ab Schuleintrittsalter ist aggressives Verhalten stabil«, erklärt Fröhlich-Gildhoff, deshalb sei es ganz wichtig, dass man schon im Kindergarten lerne, auf Misserfolge und Frustration nicht mit Aggressivität zu reagieren. Zum Projekt gehört auch das »Ich-Buch«. Da wird mit jedem Kind zusammen aufgeschrieben, was es gut kann. »Manche haben erstmal nur Springen gesagt. Anderen ist mehr eingefallen. Und dann, wenn sie das Gefühl haben, gar nichts zu können, dann kann man da reingucken und sich erinnern, dass da doch noch was war«, beschreibt die Kitaleiterin. Trainiert wurde dieser positive Blick auf die Stärken zuerst mit den Erzieherinnen, die es an die Kinder weitergegeben haben. Und offensichtlich wirkt sich diese Haltung auf den Alltag aus: Die Erzieherinnen berichten, dass sich die anfängliche Mehrarbeit ausgezahlt habe; sie seien entspannter bei der Arbeit und würden mit Belastungen besser fertig. In den Teamsitzungen herrsche mittlerweile eine andere Stimmung.

»Wir konzentrieren uns auf die Fähigkeiten der Kinder und bestärken sie darin«, fasst Leiterin Eleni Chaita zusammen, »um die Defizite kümmern wir uns nicht.« Damit werde eine Entwicklung angestoßen, sagt sie: »Sich wohlfühlen, angenommen werden, wie man ist. Und dann kommt aus dem Gefühl für die eigene Stärke die Lust, Neues zu lernen.« In Elternseminaren wird dieses Gefühl auch den Eltern vermittelt: Ihr kümmert euch um eure Kinder, ihr seid besorgt um ihre Zukunft, ihr seid gute Eltern, auch wenn ihr in der Gesellschaft nicht als erfolgreich geltet. Eure Kinder sind auf einem guten Weg.

10 Uhr: Zweimal in der Woche trifft sich die Vorschulgruppe. »Ich bin froh, wenn die Kinder es schaffen, sich eine Stunde lang zu konzentrieren«, sagt Zahra. Als alle sitzen, zeigt Zahra ein großes Bild von einem Grashüpfer. Die Kinder sollen mit der Hand nachmachen, wie er hüpft. Einige springen auf und hüpfen. »Nein«, ermahnt Zahra, »nur mit der Hand.« Langsam beruhigen sie sich. Shami und Moritz haben Stifte in der Hand, mit denen sie jetzt aufgeregt wie die Grashüpfer über den Tisch hüpfen. »Das ist gefährlich«, sagt Zahra, »hört damit bitte auf.« »Ja«, erklärt Shami, »da kann man sich ein Auge ausstechen.« »Und dann braucht man ein Glasauge«, fügt Moritz hinzu. »Oder man macht alles nur mit einem Auge«, überlegt Shami: »Essen, Malen …«

Die Kinder haben viel gelernt. Nach zwei Jahren zeigt die Auswertung: Sie können ihre Gefühle besser erkennen und zeigen weniger auffälliges und mehr soziales Verhalten. Sie sind mutiger geworden, selbstbewusster, kompetenter. In allen Tests haben sie nicht nur besser als zu Beginn des Projekts abgeschnitten, sie haben sich auch deutlich besser entwickelt als Kinder in vergleichbaren Kindergärten, die nicht am Projekt teilgenommen haben. »Bildungserfolge sind machbar«, lautet das Fazit, »selbst in einer Kita mit sehr hohem Anteil an armen Kindern.« Geht doch!