von Barbara Brüning

Publik-Forum 23/2010

vom 03.12.2010

Lernen, sich selbst zu durchschauen

Ein Therapeut unterstützt Missbrauchstäter, die ihr Verhalten ändern wollen. Eine Hotline vermittelt Ansprechpartner

Sexuelle Gewalt an Kindern steht seit Beginn dieses Jahres im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte. Immer neue Enthüllungen über Kindesmissbrauch durch katholische Priester und Reformpädagogen haben das ganze Ausmaß der Verbrechen und die lebenslangen Folgen für die Opfer erschreckend deutlich gemacht. Noch immer geschehen die meisten sexuellen Übergriffe an Kindern im häuslichen Umfeld. 11 319 Fälle von sexuellem Missbrauch verzeichnete das Bundeskriminalamt für das Jahr 2009. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Doch was geschieht mit den Tätern? Lässt sich sexuelle Gewalt durch psychologische Arbeit mit Missbrauchenden verhindern?

Seit dem Jahr 2005 gibt es euline, eine telefonische Hotline zur Prävention von Gewalt. Gewalttäter – und dazu zählen auch Vergewaltiger und Missbrauchstäter – können sich hier zunächst anonym melden. Die Ansprechpartner der Hotline nennen ihnen dann einen auf ihre Probleme spezialisierten Therapeuten in ihrer Nähe. Auch Angehörige oder unbeteiligte Beobachter, die einen Verdacht haben, können sich dort melden und Rat einholen. Euline ist von Deutschland, Österreich, Luxemburg und der Schweiz aus zu erreichen.

Joachim Lempert, Mitbegründer der Hotline, arbeitet seit über zwanzig Jahren mit gewalttätigen Männern. Der kritische Punkt sei nicht die Veränderungsbereitschaft der Täter, meint der Kinder- und Psychotherapeut, sondern der Zugang zur Hilfe. Da es kaum Therapeuten gibt, die sich mit diesen Tätern beschäftigen möchten und dafür qualifiziert sind, sei es für Gewalttäter schwierig, therapeutische Hilfe zu finden.

Lempert hat einen eigenen Ansatz für die Arbeit mit Missbrauchstätern entwickelt. In seinem Institut in Wien bietet er Fortbildungen dazu an. Er berät Justizvollzugsanstalten, Polizeischulen und forensische Kliniken, auch das Bundesministerium für Frauen, Familien und Gesundheit.

Nur etwa fünf Prozent der Täter seien tatsächlich pädophil, das heißt sexuell auf Kinder fixiert, erklärt Lempert. Bei den übrigen sei eine »soziale Inkompetenz« die Ursache. Bei diesen Tätern helfe die zusammen mit der Strafe verordnete Therapie auf gar keinen Fall.

»Die Antennen eines Missbrauchstäters sind ganz fein auf sein Gegenüber eingestimmt. Er weiß, was der andere hören will, bevor der es selbst merkt«, schildert Lempert seine Erfahrungen. Auch in einer verordneten Therapie werde ein Kinderschänder sich in jedem Fall einsichtig zeigen und dem Therapeuten erzählen, was dieser hören möchte. Am Ende seien dann alle zufrieden, nur der Täter habe sich nicht geändert. Was ja in dessen Augen auch gar nicht nötig ist: Fast jeder Täter behauptet, er habe nichts getan, was das Kind nicht gewollt habe, erläutert Lempert. Denn zu dem Zeitpunkt, wo es zu der sexuellen Handlung kommt, hat er sein Opfer schon so eingesponnen, dass es nicht mehr klar zwischen seinem Willen und dem des Täters unterscheiden kann.

Ein Kinderschänder, so beschreibt es Lempert, sei häufig ein Mensch, der einem Kind nicht nur das lange gewünschte Auto schenkt, sondern auch noch das grüne aussucht. Das, was es wirklich am allerliebsten haben wollte. Und er hat das gewusst, ohne dass es gesagt werden musste. Das Kind fühlt sich von ihm geliebt, mit all seinen Schwächen und Wünschen. Und wenn dieser Mensch dann auf einmal einen Schritt weiter geht und es nackt streicheln möchte, dann spürt das Kind zwar, dass da etwas nicht stimmt, vertraut aber dem Täter zu sehr, um sich noch dagegen zu wehren. Wenn dann die Grenze zu sexuellen Handlungen wirklich überschritten ist, gibt es kein Zurück mehr. Bei einem Kind, dessen Ich ja noch in der Entwicklung ist, wird so der eigene Wille zerstört und durch den Willen eines anderen ersetzt.

»Der sogenannte Missbrauch hinterlässt ein ungeheures Sprachloch. Es ist ein Loch – das Wort Narbe wäre schon ein Euphemismus –, das weder die Zeit heilen kann noch Prozesse«, schreibt Bodo Kirchhoff im Spiegel.

Wo aber liegt die Schwäche des Täters? Was ist es, das da mit ihm nicht stimmt? Den Tätern fehle die Einfühlung in sich selbst, erklärt der Psychologe. Ein Täter vermeidet jede Art von Ablehnung, indem er seine eigenen Wünsche gar nicht registriert. Er kann nicht sagen, dass er sexuellen Kontakt mit jemandem haben will, dass er sich Nähe und Geborgenheit wünscht, weil die Möglichkeit, abgelehnt zu werden, ihm Angst macht. Und diese Angst vermeidet er, indem er gar keine eigenen Wünsche wahrnimmt.

Das müssten die Täter nach Auffassung Lemperts lernen: eigene Wünsche zu erkennen. Und die Verantwortung dafür zu übernehmen. Die Angst vor Ablehnung auszuhalten: »Eine vom Gericht verordnete Therapie aber nimmt ihm die Verantwortung von vornherein wieder ab.« Die Einsicht in diese Struktur der Missbrauchstäter – die ja im Gegensatz zu vielen anderen Straftätern eher überangepasst und beruflich oft extrem erfolgreich sind – brachte Lempert schließlich dazu, ein neues Therapie-Konzept zu entwickeln.