von Barbara Brüning

Publik-Forum 06/2012

vom 23.03.2012

»Man kann sich ja ändern«

Monika Hagendorf (66) war 25 Jahre obdachlos. Inzwischen ist sie sesshaft und träumt von einer eigenen Wohnung

Wie ich obdachlos geworden bin, kann ich nicht genau sagen. Ich bin da so reingerutscht. Das war eine unangenehme Geschichte, die da passiert ist. Danach war ich eine Woche im Frauenhaus, und dann wollte ich nicht mehr nach Hause. Dazu kam, dass ich immer gerne unterwegs war. Ich bin unheimlich gerne Zug gefahren! Auf die Art habe ich ganz Deutschland kennengelernt. Ich kenne wirklich jede Ecke. Einmal bin ich bis nach Rosenheim gefahren, weil ich die Berge sehen wollte.

Obdachlos sein ist hart, wie ein richtiger Job. Morgens: Tagessatz abholen, Weg zum Bahnhof, schmal machen – das heißt um Geld für die Fahrkarte betteln –, Zug suchen. Außerdem muss man sich um was zu essen kümmern. Beim Bäcker oder beim Fleischer kriegt man kurz vor Geschäftsschluss immer mal was. Man muss dazu sagen: Ich habe niemals auf der Straße geschlafen. Ich brauche abends ein Dach über dem Kopf, sonst kann ich nicht schlafen. Weil mir das so wichtig ist, musste ich mich schon mittags drum kümmern, wo ich abends schlafen wollte. Meistens bin ich zur Bahnhofsmission gegangen, aber auch die Frauenhäuser haben Notbetten. Wenn ich nichts anderes gefunden habe, bin ich zur Polizei gegangen; die müssen einen irgendwo unterbringen. Weil ich ja mittags mit der Organisation anfangen musste, war klar, dass ich morgens schon im Zug sitzen musste. Also bin ich morgens früh raus. Das Ziel hab ich immer ganz nach Gefühl ausgesucht. Und ich hab drauf geachtet, dass es eine Bahnhofsmission gibt.

Na ja, so ging das fünfundzwanzig Jahre lang. Dieses Leben ist aufregend, aber man träumt doch immer von einem richtigen Zuhause. Ich höre zum Beispiel unheimlich gerne Musik, und das kann man nicht, wenn man immer unterwegs ist. Irgendwann habe ich gehört, dass man hier in Hanau im Franziskushaus, einem ökumenischen Haus für Obdachlose, festmachen kann. Und da dachte ich mir: wenn, dann hier. Das probierste jetzt mal.

Na ja, hat ja auch geklappt. Obwohl es nicht einfach ist. Ich bin ja auch kein einfacher Mensch! Wenn man hier bleiben will, bekommt man erst ein Zimmer mit Nasszelle im Wohnheim, das muss man selbst sauber halten. Es gibt auch eine kleine Küche, und da bin ich öfters angeeckt, weil ich nicht richtig sauber gemacht hatte. Ich konnte das gar nicht mehr. Inzwischen wohne ich mit zwei anderen Frauen in einer Wohnung – es ist so eine Art betreutes Wohnen. Für mich ist das ganz schön viel, so lange an einem Ort zu sein. Ich war oft nahe dran abzuhauen. Aber ich lerne langsam.

Heute ist wieder so ein Tag, an dem ich weiß, früher wäre ich sofort weg gewesen. Am morgen hat die Nachbarin, die unter uns wohnt, geklingelt: Es tropft von der Decke. Oh je, hab ich gedacht, da habe ich wieder was mit dem Abfluss falsch gemacht. Und jetzt muss ich mich darum kümmern, dass das in Ordnung kommt, und den Klempner anrufen! Ich bin noch ganz aufgedreht. Nachher muss ich einen Kamillentee trinken, das beruhigt mich. Ich komme immer noch sehr gerne ins Franziskushaus und spreche mit den Sozialarbeitern und den anderen, die im Café sitzen. Das tut mir gut. Es gibt ja noch eine Menge zu klären in meinem Leben. Das geht erst jetzt, wo ich ein bisschen zur Ruhe komme. Ich möchte meine Kinder wiederfinden! Ich war nämlich mal verheiratet und habe drei Kinder. Meine Eltern haben mich in die Ehe so reingeschubst, ich wollte das gar nicht wirklich. Ich habe mich sehr schnell von meinem Mann getrennt und irgendwann gemerkt, dass ich das mit den Kindern nicht schaffe. Deshalb habe ich sie dann zur Adoption freigegeben. Hier sagen mir alle, dass das ein sehr guter Schritt war. Aber damals durfte man nicht erfahren, wo die Kinder hinkommen. Heute wäre das ganz anders. Nun hilft mir ein Sozialarbeiter, sie zu finden. Ich möchte einfach wissen, was aus ihnen geworden ist.

Meinen Sohn hat er gefunden. Er ist Autist und lebt in einer Einrichtung in der Nähe von Berlin. Wir haben uns schon geschrieben, und ich habe ein Foto von ihm bekommen. Das war eine große Freude!

Ich will ihn auch mal besuchen. Allerdings habe ich mir eigentlich geschworen, nicht mehr nach Berlin zu fahren. Wissen Sie, ich war mal in Berlin, als Obdachlose, und die haben mich rausgeworfen – obwohl ich Berlinerin bin! Die kaufen einem eine Fahrkarte für den ICE und setzen einen in den Zug – nur damit man verschwindet und nicht wieder auftaucht. Das hat mich schon verletzt, und deshalb habe ich gesagt: Ich komme nicht wieder.

Aber wer weiß. Man kann seine Meinung auch ändern. Ich habe mich ja auch verändert. Und ich will das schaffen mit einer eigenen Wohnung. Schon wegen meiner CD-Sammlung. Musik ist meine Leidenschaft. Und wissen Sie was, meinem Sohn geht das genauso. Der ist auch musikverrückt. Ist das nicht toll?