von Barbara Brüning

Publik-Forum 14/2011

vom 29.07.2011

»Du siehst fertig aus«

Ein Foto brachte die Wende im Leben von Selda Uyguner (36). Seitdem lebt sie ohne Drogen

Im Moment bin ich gerade sehr erkältet. Mein Freund und ich, wir waren in der Türkei bei meiner Mutter. Und danach sind wir vielleicht zu oft in kurzen Hosen rumgelaufen. Es ist schon das zweite Mal, dass ich meine Mutter besucht habe, nachdem wir vorher lange gar keinen Kontakt mehr hatten. Das gehört auch zu den Dingen, die ich jetzt anders mache, seit ich keine Drogen mehr nehme. Wenn man Drogen nimmt, dann hat man nämlich nichts anderes im Kopf, als hinter dem Zeug herzujagen. Jetzt kann ich wieder die wichtigen Dinge auch wirklich wichtig nehmen. Und dazu gehört der Kontakt zu meiner Familie.

Ich hab schon mit 16 die ersten Drogen genommen. Am Anfang nur Hasch geraucht, später Amphetamine und dann Heroin. Ich bin da so reingerutscht. Die Schule hat mich dann nicht mehr interessiert. Mit 26 hab ich eine Therapie gemacht, Realschulabschluss nachgeholt. Aber dann kam wieder ein Rückfall.

Obwohl man ja eigentlich annehmen sollte, dass ein Schlaganfall und zwei neue künstliche Herzklappen genügen sollten, um einen zur Vernunft zu bringen. Ich war wirklich so fertig: Ich konnte nicht mehr gehen und nicht mehr alleine essen. Aber dann, als es mir wieder besser ging, kam am Wochenende doch immer mal wieder so ein kleines Teufelchen, das mir gesagt hat: »Ach, einmal kann nicht schaden. Macht doch nichts.« Und dann hab ich trotz allem wieder Drogen genommen.

Dann habe ich bei diesem Fotokurs mitgemacht. Und der hat dann wirklich die Wende in mein Leben gebracht.

»Malteser Objektiv« hieß der Kursus, den die Frankfurter Malteser zusammen mit der Integrativen Drogenhilfe in der FriedA24, einem Café der Drogenhilfe, angeboten haben. Da war eine richtig professionelle Fotografin, die hat uns alles beigebracht. Sie hieß Bärbel Gottschalk, und ich kann noch heute mit ihr Kontakt aufnehmen, sie hilft mir dann immer weiter. Sie brachte uns bei, wie man fotografische Porträts macht. Unsere Aufgabe war es, Frankfurter Politiker zu fotografieren. Aber zum Üben haben wir uns erst mal gegenseitig fotografiert.

Ich erinnere mich noch genau an den entscheidenden Montagmorgen. Am Wochenende hatte ich mal wieder Drogen genommen. Und dann habe ich dieses Foto von mir gesehen. So hatte ich mich vorher noch nie gesehen: »Selda, du siehst fertig aus«, schoss es mir durch den Kopf. Beim Anblick dieses Porträts ist mir schlagartig klar geworden, dass ich mich selbst zerstöre, wenn ich so weitermache. Das war der Knackpunkt. Seitdem habe ich nichts mehr genommen.

Am Ende des Fotokurses stand eine Ausstellung: »NahAufnahme. Frankfurter Politiker im Porträt«. Und sie fand in dieser großen Eingangshalle des Allianz-Gebäudes in Frankfurt statt. Die Eröffnungsveranstaltung wurde von Oberbürgermeisterin Petra Roth eingeleitet, die ich ja auch fotografiert habe. Also, das war schon bombastisch. Noch viel großartiger, als ich mir das vorgestellt hatte. Die in der Versicherung, die wussten gar nicht, dass ich eine ehemalige Drogenabhängige bin. Für die war ich nur die Künstlerin. Das war auch was ganz Neues für mich. Es hat mir richtig Auftrieb gegeben, so einfach als Mensch angesprochen zu werden, der etwas Tolles geleistet hat.

Danach habe ich angefangen, bei der Frankfurter Tafel zu arbeiten. Erst einmal in der Woche, seit Kurzem zweimal. Ich möchte natürlich nicht, dass das mit dem Fotografieren ganz einschläft. Barbara Klemm, die Schirmherrin der Ausstellung, hat mir immer wieder gesagt, dass ich Talent habe, dass die Fotos wirklich gut sind. Aber als Fotografin was auf die Beine zu stellen ist natürlich nicht einfach.

Mein Freund, der arbeitet bei Drogennotruf e. V.; er hat mich durch alle Höhen und Tiefen begleitet. Ohne ihn hätte ich das nicht geschafft. Die Leute, die da beim Drogennotruf an Workshops teilnehmen, müssen auch Bewerbungen schreiben. Und da habe ich mir gedacht, ich könnte doch die Bewerbungsfotos machen. Wäre ja immerhin schon mal ein Anfang.

Jetzt möchte ich vielleicht mein Abitur machen. Es sind nur kleine Schritte, und es geht langsam vorwärts, aber ich habe gelernt, dass es nur so geht. Wissen Sie, Drogenabhängige, die wollen immer alles auf einmal, alles sofort und sind dann gleich frustriert, wenn das nicht geht. Dass das so nicht geht, habe ich jetzt endlich verstanden. Aber ich will schon noch etwas auf den Weg bringen.